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Interkulturelle Öffnung als Prozess der Schulentwicklung - Teil 2

© Christiane Lenhard 2018

Nur vier Jahre sind vergangen, seit der erste Text entstanden ist - und doch stellt sich die Situation vor Ort noch einmal völlig verändert dar:

Zum einen steht die Theoriediskussion dem Begriff Interkulturalität kritischer gegenüber und erweitert ihn um rassismuskritische Perspektiven, die Differenzlinien innerhalb der Schulgemeinschaft kritisch aufnehmen. In dieser Diskussion sind wir als Schullandschaft leider nur sehr zögernd unterwegs - allerdings gibt es zumindest einige erste Ansätze...

Zum anderen sind die demografischen Veränderungen auch in Mahndorf deutlich fortgeschritten - verstärkt durch den einsetzenden Generationswechsel in Eigentumssiedlungen und ein neues Wohnbaukonzept, aber auch durch die seit 2014 erlebte Zuwanderung. 

Bremen hat seit 2014 über 7000 Schüler*innen aufgenommen, davon 2539 in den Grundschulen. Bis auf wenige Ausnahmen sind fast alle Grundschulen Bremens von Zuwanderung (ca. 3000 Kinder) so stark betroffen, dass die eigentlich vorgesehenen Klassenstärken manchmal sogar überschritten werden mussten, um alle Kinder mit einem Schulplatz zu versorgen. Mittlerweile sind 7,9 % der Grundschulkinder zugewanderte Kinder, 5,4% Kinder haben Fluchterfahrungen.

Eltern neu zugewanderter Kinder werden in der Grundschule Mahndorf durch eine Willkommensmappe auf die Schule ihrer Kinder vorbereitet - schriftlich vorbereitete Informationen auf Arabisch, Dari, Kurdisch (Kurmanci) helfen bei der gegenseitigen ersten Verständigung.

Es gibt zusätzliche Unterstützung durch Dolmetscher, die von der Bildungsbehörde oder den Übergangsheimen gestellt werden oder durch die bremenweit aktiven 'Sprinter' 'Sprach- und Integrationsmittler'. 

Seit einem Jahr arbeitet in der Schule eine Sozialpädagogin, die gezielt zur Unterstützung der Kinder und Schulfamilien mit Fluchterfahrung eingestellt wurde.

Alle Kinder ohne ausreichende Deutschkenntnisse haben in Bremen ein Recht auf einen sogenannten 'Vorkursplatz', der in der Grundschule einen sprachbetonten Unterricht in einer altersgemischten Kleingruppe (bis zu 10 Kinder) jeweils 4 Stunden am Tag für ein halbes Jahr vorsieht.

In Mahndorf gibt es seit 2015 einen solchen Vorkurs, der als Pilotprojekt ein selbst entwickeltes Konzept umsetzt:

Alle VK-Kinder werden über ein ganzes Schuljahr jeweils nur zwei Stunden am Tag in der sogenannten 'Wörterwelt' in der sprachbetonten Kleingruppe beschult und verbringen den Rest der Zeit in den Regelklassen, denen sie sich auch emotional zugehörig fühlen sollen. Das ermöglicht bei zwei geplanten Kursen im Jahr eine Differenzierung in die Altersgruppen Jahrgang 1/2 und Jahrgang 3/4 und damit einen altersangepassteren Unterricht. Durch dieses Konzept werden erneute Bindungsabbrüche vermieden, da die Kinder mehr Zeit als bisher  orgesehen in ihren Regelklassen zubringen und diese als 'ihre Klassen' ansehen. Die Sprachförderung findet ergänzend dazu nicht im 'Vorkurs' sondersn in der 'Wörterwelt' statt. Die Kinder haben also von Anfang an ein deutschsprachiges Umfeld, von dem sie zusätzlich profitieren können. Da die Übergänge je nach sozioemotionaler Belastung der Kinder (posttraumatische Störungen) weich gesteuert werden können, ergibt sich ein weiterer Vorteil.

Die Ergebnisse dieses 'Mahndorfer Modells' sind bisher positiv.

Wie fast überall in Bremen, ist auch in Mahndorf der Anteil von Kindern mit Armutshintergrund der Familien weiter angewachsen und wird durch den umbenannten 'Bremen-Pass' nur im Ansatz aufgefangen. Die Herausforderungen an Schule sind somit weiter gewachsen.

Mittlerweile nehmen in der Grundschule Mahndorf ca. 120 Kinder am Offenen Ganztag teil - Kinder mit dem Bremen-Pass bekommen dort ein kostenloses (- wie in ganz Bremen üblich- schweinefleischfreies) Mittagessen. Ungefähr 30 Kinder nutzen zusätzlich morgens täglich ein kostenloses Schulfrühstück, welches wir mit Sponsorenhilfe und Unterstützung des ASB einrichten konnten. 

Das Kollegium hat mittlerweile mit ALLEN vor Ort tätigen Pädagog*innen ein ganztägiges interkulturelles Training durchlaufen und plant schon jetzt eine Fortsetzung.

Daraus ist eine intensive schulprogrammatische Arbeit entstanden. Nach wie vor werden gezielte Fortbildungen in Anspruch genommen und neue interkulturelle Projekte angestoßen.

Die Grundschule Mahndorf hat sich 2015 als erste Grundschule in Bremen für das Konzept 'Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage' entschieden und wiederholt die Teilnahmebereitschaft jährlich durch gezielte Aktionen. Dadurch werden gesellschaftliche Diskussionsprozesse aufgefangen und begleitet.

Die Schule veranstaltet nach wie vor jährlich eine sogenannte Freundschaftswoche mit Willkommensfest, um die neuen Schulfamilien zu begrüßen und an die schulischen Strukturen heranzuführen. Außerdem gibt es einmal pro Jahr ein mehrsprachiges Leseprojekt mit hoher Elternbeteiligung. Der Sprachenumfang ist - auch in der mitwachsenden mehrsprachigen Schulbücherei - deutlich gestiegen: Zu den bereits vorhandenen Sprachen sind u.a. Farsi, Dari, Pashtu, Kurmanci hinzugekommen - mittlerweile gibt es über 20 verschiedene Familiensprachen - je nach aktueller Zusammensetzung der Kinder.

Gemeinsam mit den Kindern wurde ein mehrsprachiger Film über die Schule gedreht, der die vorhandenen Familiensprachen bewusst aufnimmt. Auch der Schulzaun nimmt das Thema Vielfalt durch liebevoll gestaltete Gesichter(entstanden in einer Kunst-AG) auf und setzt so ein sichtbares Zeichen nach außen. Es finden regelmäßig interkulturelle Theatervorführungen statt, und auch andere ganzheitliche Projekte wie das einwöchige Zirkusprojekt werden regelmäßig durchgeführt.

Die Schulhomepage wird ebenso wie die regelmäßigen Elternbriefe möglichst in leichter Sprache gestaltet.

Die Beteiligung von Eltern mit Zuwanderungsgeschichte ist erfreulicherweise gestiegen - im Elternbeirat sind sie nun endlich angekommen. Auch bei allen anderen schulinternen Aktivitäten sind sie aktiv dabei und unterstützen durch viele verschiedene Hilfsangebote.

Kinder, die eingeschult werden sollen, werden im Halbjahr vor der Einschulung durch intensive Kontakte mit Kolleg*innen auf den Erstkontakt mit der Schule vorbereitet. Eltern werden mehrere Informationstermine angeboten, bei denen Sprachentische mit Dolmetschern die Kommunikation erleichtern sollen. Zusätzlich haben wir eine Einschulungsmappe entwickelt, die die Grundfragen des Schulalltags aufgreift.

Einzelne Klassen veranstalten regelmäßige Hospitationstermine für Eltern unter dem Motto 'Wir erklären euch die Schule' - ein vom Programm 'Bremen macht Helden' prämiertes Projekt. Eltern'abende' werden wenn möglich auch am späten Nachmittag angeboten, um eine bessere Teilnahmemöglichkeit für Eltern mit kleinen Kindern zu schaffen. Immer wieder werden Elternthemenabende angeboten, die sich zum Beispiel mit der Praxis des Vorlesens, der Mediennutzung, oder Gewaltprävention beschäftigen.

Es gibt nach wie vor enge Vernetzungen zwischen Eltern und Pädagog*innen durch zusätzliche anlassbezogene Elterngespräche, bei denen bewusst nicht ein Negativfokus im Vordergrund steht. 

 

Daneben gab es reichlich schulische Veränderungen zu verkraften:

Seit 2014 mussten im Kollegium mehrere Umstrukturierungen u.a. auch der Schulleitungswechsel, mehrere einschneidende Personalengpässe, ein Kita-Neubau auf dem Schulgelände, etc.  gemanagt werden. Solche Veränderungen binden viel Energie.

Umso beeindruckender ist es, dass der begonnene Weg konsequent fortgesetzt wird.

Ich habe die Schule im Sommer 2016 in die Hände meiner Nachfolgerin übergeben und bin als ehemalige Schulleiterin für die Weiterentwicklung der begonnenen Arbeit dankbar.

Nach wie vor gibt das Motto der Schule diesen Geist wunderbar wieder:

GEMEINSAM LEBEN (UND) LERNEN

MIT HERZ, HAND UND VERSTAND

Christiane Lenhard, Ende 2017

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